RSI und MACD: So lesen Sie diese 2 Indikatoren der technischen Analyse
Öffnen Sie auf einer beliebigen Plattform den Chart einer Aktie, und fast immer begegnen Ihnen 2 Namen: RSI und MACD. Für Einsteiger wirken sie oft einschüchternd, denn sie erscheinen als farbige Linien unter dem Kurs, mit englischen Begriffen und Zahlen ohne Einheit. Dabei ist ihre Logik einfach: Es handelt sich um mathematische Zusammenfassungen dessen, was der Kurs gerade getan hat. Dieser Artikel erklärt, was sie messen, wie man sie liest, warum sie sich regelmäßig irren und warum keiner von beiden jemals allein betrachtet werden sollte. Die Darstellung ist rein beschreibend: Ein Indikator beschreibt die jüngere Vergangenheit eines Kurses, er sagt nichts voraus.
Was ein technischer Indikator misst (und was nicht)
Ein technischer Indikator ist eine Formel, die auf Marktdaten angewendet wird, im Wesentlichen auf Kurse und manchmal auf Handelsvolumen. Er macht aus einer Kursreihe eine leichter lesbare Linie.
2 Gedanken sollten Sie im Kopf behalten:
- Ein Indikator ist vom Kurs abgeleitet. Er liefert keine neue Information: Er formuliert nur um, was der Kurs bereits getan hat, aus einem bestimmten Blickwinkel (Tempo, Trend, Intensität).
- Ein Indikator hinkt hinterher. Er wird auf vergangenen Zeiträumen berechnet und reagiert deshalb immer erst im Nachhinein, je nach Einstellung mehr oder weniger spät.
RSI und MACD gehören zur Familie der Momentum-Indikatoren: Sie versuchen, Tempo und Dynamik von Kursbewegungen zu beschreiben, nicht das absolute Kursniveau.
Der RSI: Die Stärke der jüngsten Kursgewinne
Der RSI (Relative Strength Index, auf Deutsch Relative-Stärke-Index) vergleicht das Ausmaß von Gewinnen und Verlusten über einen Zeitraum, standardmäßig 14 Handelstage. Er wird auf einer Skala von 0 bis 100 angegeben.
RSI = 100 − 100 / (1 + RS), wobei RS das Verhältnis zwischen dem durchschnittlichen Anstieg und dem durchschnittlichen Rückgang im Zeitraum ist.
Illustratives Zahlenbeispiel: Über 14 Handelstage hat eine fiktive Aktie an Tagen mit steigenden Kursen im Schnitt 1,2 % gewonnen und an Tagen mit fallenden Kursen im Schnitt 0,8 % verloren. RS = 1,2 / 0,8 = 1,5. Der RSI beträgt somit 100 − 100 / 2,5 = 60.
Wie man ihn liest
Üblicherweise werden 3 Zonen unterschieden:
| RSI-Wert | Übliche beschreibende Lesart |
|---|---|
| Über 70 | Sehr ausgeprägte jüngste Anstiege: Man spricht von einer „überkauften“ Zone |
| Zwischen 30 und 70 | Mittlere Zone ohne besonderen Extremwert |
| Unter 30 | Sehr ausgeprägte jüngste Rückgänge: Man spricht von einer „überverkauften“ Zone |
Achten Sie auf die Wortwahl: „Überkauft“ bedeutet nicht, dass die Aktie fallen wird, und „überverkauft“ nicht, dass sie sich erholt. Diese Begriffe beschreiben lediglich eine intensive jüngste Bewegung. In einem stabilen Aufwärtstrend kann eine Aktie wochenlang über 70 bleiben.
Der MACD: Der Abstand zwischen 2 gleitenden Durchschnitten
Der MACD (Moving Average Convergence Divergence) beruht auf 2 exponentiellen gleitenden Durchschnitten, also Durchschnitten, die jüngeren Handelstagen mehr Gewicht geben. Wer das Konzept vertiefen möchte, findet in der Lektion Gleitende Durchschnitte eine ausführliche Erklärung.
Der MACD besteht aus 3 Bestandteilen:
- Die MACD-Linie: der exponentielle Durchschnitt über 12 Tage minus der exponentielle Durchschnitt über 26 Tage. Ist sie positiv, liegt der schnelle Durchschnitt über dem langsamen.
- Die Signallinie: ein exponentieller Durchschnitt der MACD-Linie über 9 Tage. Sie glättet die MACD-Linie.
- Das Histogramm: der Abstand zwischen MACD-Linie und Signallinie, als Balken dargestellt.
Wie man ihn liest
- Kreuzung von MACD-Linie und Signallinie. Wenn die MACD-Linie über die Signallinie steigt, verstärkt sich die jüngste Aufwärtsdynamik; fällt sie darunter, lässt diese nach. Das ist die gängigste beschreibende Lesart.
- Lage zur Nulllinie. Eine MACD-Linie über null bedeutet, dass der schnelle Durchschnitt über dem langsamen liegt, der jüngste Trend also nach oben zeigt.
- Größe des Histogramms. Schrumpfende Balken zeigen, dass die Dynamik an Intensität verliert, selbst wenn der Kurs weiter steigt.
Fehlsignale: Warum sich diese Indikatoren irren
Kein Indikator ist zu 100 % zuverlässig, und diese 2 haben bekannte Schwächen.
- In einem Markt ohne Trend kreuzt der MACD seine Signallinie ständig, mal in die eine, mal in die andere Richtung: Jede Kreuzung scheint etwas zu „bedeuten“, während der Kurs auf der Stelle tritt. Das sind sogenannte Whipsaws, also Fehlalarme.
- In einem starken Trend verharrt der RSI lange in den Extremzonen. „Überverkauft“ in einem anhaltenden Kursverfall zu lesen, hat keinen Prognosewert: Der Rückgang kann sich fortsetzen.
- Die Verzögerung: Der MACD, auf Durchschnitten aufgebaut, bestätigt eine Bewegung oft erst, wenn ein großer Teil bereits gelaufen ist.
- Äußere Ereignisse: Eine Gewinnveröffentlichung, eine Zentralbankentscheidung oder eine unerwartete Nachricht verzerren den Kurs abrupt, und Indikatoren nehmen sie nicht vorweg.
- Die Wahl der Parameter: 14 und 12-26-9 sind Konventionen, keine Gesetze. Ändert man diese Werte, ändern sich die Linien und damit die „Signale“.
Zu beachten ist schließlich: Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die künftige Entwicklung. Dass ein Muster in der Historie einer Aktie „funktioniert“ hat, garantiert nicht, dass es erneut funktioniert.
Warum mehrere Informationen kombiniert werden sollten
Da jeder Indikator blinde Flecken hat, besteht das übliche Vorgehen darin, mehrere Quellen gegeneinander abzugleichen, statt sich auf eine einzige Linie zu verlassen:
- Mit dem Trend: Unterstützungen, Widerstände und gleitende Durchschnitte liefern den Kontext, in dem RSI oder MACD gelesen werden (siehe Trends, Unterstützungen und Widerstände).
- Mit dem Handelsvolumen: Eine Bewegung mit hohen Umsätzen ist in der Regel aussagekräftiger als eine, die unbeachtet verläuft.
- Mit den Fundamentaldaten: Ein Chart sagt nichts über die Gesundheit des Unternehmens. Bewertung, Rentabilität und Verschuldung, wie im Artikel zum KGV, ergänzen die technische Sicht sinnvoll.
- Mit dem Zeithorizont: Ein Signal im 5-Minuten-Chart hat nicht dasselbe Gewicht wie eines im Wochenchart.
Zeigen mehrere unabhängige Lesarten in dieselbe Richtung, ist das Gesamtbild aussagekräftiger; widersprechen sie sich, ist der Widerspruch selbst eine Information. Eine vollständige Methode zeigt der Artikel Eine Aktie analysieren. Die Lektion RSI, MACD, ADX vertieft diese Indikatoren, und Japanische Kerzen und das Lesen eines Charts legt die Grundlagen für das Chartlesen.
Das Wichtigste in Kürze
- Der RSI misst die Stärke der jüngsten Gewinne und Verluste auf einer Skala von 0 bis 100; der MACD misst den Abstand zwischen einem schnellen und einem langsamen gleitenden Durchschnitt.
- Es sind beschreibende Werkzeuge: Sie fassen die jüngere Kursvergangenheit zusammen, sie sagen die Entwicklung nicht voraus.
- Fehlsignale sind häufig, besonders in Märkten ohne Trend, und die Schwellen (70 / 30, Kreuzungen) bleiben Konventionen.
- Kein Indikator sollte allein gelesen werden: Trend, Handelsvolumen, Fundamentaldaten und Zeithorizont sind miteinander abzugleichen.
- Auf einer Earnnest-Aktienseite werden diese Indikatoren mit ihrem Kontext und einem beschreibenden Urteil (haussierend, neutral oder baissierend) gezeigt, damit sie nicht isoliert gelesen werden. Öffnen Sie eine Aktienseite, um zu sehen, wie sie zusammenspielen.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Bildung und stellt keine individuelle Anlageberatung dar.